Zeitgemäße Führungskompetenzen zu Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit und darüber hinaus

von Philip Ashton und Sebastian Riebe zuletzt geändert: 2019-09-17T16:18:24+02:00
Führung und Arbeitsschutz passen nicht zusammen? Und ob! Der Beitrag stellt einen innovativen Ansatz zur Führungskräfte-Qualifizierung zu Sicherheit und Gesundheit vor, der Themen und die Alltagswelt der Führungskräfte stärker in den Fokus rückt.

Herausforderungen für KMU und hohe Anforderungen an Führungskräfte

Die deutsche Wirtschaft ist besonders von kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) geprägt. 99,6 Prozent aller Unternehmen in Deutschland haben weniger als 250 Beschäftigte und zählen damit zu den KMU[1]. Und diese KMU sind in gleicher Weise betroffen von der sich immer schneller entwickelnden Arbeitswelt. Schon jetzt wird deutlich, wie sehr die digitale Transformation die Anforderungen an die Kompetenzen der Führungskräfte und Mitarbeiter in allen Unternehmen verschieben, auch den KMU. Zukünftig werden Kompetenzbereiche wie Planungs- und Organisationsfähigkeit, Selbstständigkeit, Kommunikations- und Kooperationsfähigkeit sehr stark an Bedeutung gewinnen1. Die Soft Skills treten damit in den Vordergrund des Führungshandelns. Und was für den betrieblichen Alltag gilt, gilt ebenso für Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit. Eine Trennung von betrieblichem Alltag und Sicherheit und Gesundheit ist unsinnig.

Rolle der Führungskräfte wichtig für Arbeitsbedingungen

Führungskräfte nehmen im modernen Arbeitsschutz eine zentrale Rolle ein, wenn es darum geht, den Arbeitsschutz in den betrieblichen Alltag zu integrieren. Sie sind weit mehr als nur dazu da, um die Unterweisung zu regeln oder Gefährdungen abzustellen. Bislang Sie sind Vorbilder und als solche gestalten Sie die Arbeitsbedingungen sicher und gesund. Und nicht nur die Arbeitsbedingungen der Beschäftigten, sondern auch ihre eigenen. In der Vergangenheit wurden Führungskräfte allzu oft als Instrument im Arbeitsschutz gesehen, das dazu da ist, damit es keine Unfälle gibt. Pflichten und Aufgaben wurden übertragen, ohne dabei den Vorteil und Nutzen von Sicherheit und Gesundheit für die eigene Situation der Führungskräfte zu kommunizieren. Es wurde so gut wie kein Augenmerk auf die Führungskraft selbst und auf ihre Arbeitsbedingungen gelegt. Und zurecht muss sich der Arbeitsschutz in Deutschland fragen, wie man von Führungskräften erwarten soll, dass sie für sichere und gesunde Arbeitsbedingungen der Beschäftigten Sorge tragen müssen, wenn sie diese selbst nicht hinreichend haben.

Wie kriegen wir gute Führungskräfte?

Was fehlt also bislang, um Führungskräfte als wichtigen Multiplikator im Arbeitsschutz zu gewinnen? Und wie können Führungskräfte diese Kompetenzen stärken? Was benötigen sie dazu?

Als erstes ist es erforderlich, dass Führung und Arbeitsschutz als zusammenhängend verstanden werden. Wir dürfen nicht mehr zwischen einer Führung im betrieblichen Kontext und einer Führung im Arbeitsschutz trennen. Moderne Führung bedeutet, alle Anforderungen zu berücksichtigen, egal ob sie von betrieblichen Zielvorgaben, Kundenerwartungen, dem Qualitätsmanagement oder eben dem Arbeitsschutz stammen. Es muss das Motto gelten: Wer eine gute Führungskraft im Betrieb ist, ist gleichzeitig eine gute Führungskraft im Sinne des Arbeitsschutzes.

Als zweites müssen Führungskräfte die nötige Wertschätzung im Arbeitsschutz erfahren, die sie verdienen und die nötig ist, damit sie zu den wichtigen Multiplikatoren im Arbeitsschutz werden. Und das bedeutet, dass der Arbeitsschutz bzw. die Gestaltung von sicheren und gesunden Arbeitsbedingungen endlich auch für Führungskräfte gelten muss.

Und drittens muss das digitale Lernen zunehmend in den betrieblichen Fokus rücken, um diese Kompetenzen und den Lernerfolg insgesamt zu fördern. Hierfür gibt es drei wichtige Gründe:

  • mit innovativen digitalen Lernmethoden eröffnen sich neue Zugänge und Möglichkeiten für Führungskräfte und die Lernbegleitung, erforderliche Fähigkeiten, Fertigkeiten und die Bereitschaft zu fördern, um einen optimalen Kompetenzerwerb zu erhalten
  • es kann flexibel und passgenau an die betrieblichen Bedarfe angepasst werden[2].
  • digitales Lernen lässt sich gut in den betrieblichen Alltag integrieren[3]; Und besonders vorteilhaft ist, dass sich digitale Lernangebote in die täglichen Arbeitsabläufe von Führungskräften integrieren lassen und so die Nähe zum eigentlichen Kontext ermöglichen, der eigenen Praxis („dealing with a real problem in a specific context“, zu Deutsch: Auseinandersetzung mit einem realen Problem in einem konkreten Kontext).

Den meisten Unternehmen – vor allem den kleineren – fehlen hier langfristig ausgerichtete Weiterbildungsstrategien. Dies liegt unter anderem daran, dass die finanziellen Mittel dafür fehlen oder die Führungskräfte während der Seminare vom Betrieb abwesend sind. Die Vielzahl der bisherigen Qualifizierungsangebote der Unfallversicherungsträger ist teilweise noch recht konservativ geprägt und sehr stark auf Präsenz- und Frontalunterricht ausgerichtet.

DGUV-Forschungsprojekt fördert die Entwicklung von Führungskompetenzen

Aus diesem Grund fördert die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung e.V. (DGUV) in einem Modellprojekt einen neuen Ansatz, um Führungskräfte aus KMU mit 30 bis 70 Beschäftigten im Hinblick auf Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit zu qualifizieren und zu unterstützen. Dieser Ansatz ist innovativ und zeitgemäß zugleich. Denn es wird versucht, Antworten auf die oben genannten Bedarfe zu geben, indem es:

  • als Blended-Learning-Angebot (Kombination von Präsenz- und Onlinephasen) eine ressourcenschonende Integration in den Führungsalltag bietet,
  • kleine Lernimpulse zu Führungsthemen bereitstellt, die zum Nachdenken anregen,
  • den Fokus auf das Lernen und Ausprobieren im eigenen Alltag legt und so eine individuelle Entwicklung der Führungskräfte ermöglicht,
  • auf eine Begleitung der Führungskräfte online durch zertifizierte Trainer setzt,
  • kostenfrei den Unternehmen und Führungskräften von den Unfallversicherungsträgern angeboten wird und
  • das Lernen in der Gruppe und Netzwerken fördert und so einen regelmäßigen Erfahrungsaustausch untereinander anregt, auch über die Qualifizierung hinaus.

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Abbildung: Beispielhafte Darstellung eines digitalen Lernangebots in Form eines Lernimpulses

Ausgangspunkt dieser Qualifizierung ist immer die Führungskraft selbst, sie wird dort abgeholt, wo sie gerade im betrieblichen Alltag steht - unabhängig davon, welche Qualifikation und Erfahrung sie hat. Denn entscheidend ist, dass jede Führungskraft die für sich notwendige Entwicklung durchlaufen kann. Und wenn sie dann persönlich die Erfahrung machen kann, dass Arbeitsschutz elementar für den betrieblichen Alltag ist und auch die eigene Situation als Führungskraft verbessert, dann sind wir einen wichtigen Schritt weiter, um Arbeitsschutz im Unternehmen zu integrieren. Im Zentrum steht also nicht die Verantwortung im Arbeitsschutz, sondern die Handlungsfähigkeit und Bereitschaft der Führungskräfte für gute Arbeitsbedingungen zu sorgen.

Konkrete Ausrichtung am betrieblichen Bedarf und Unterstützung durch Betreuungsmanager und Experten-Netzwerk

Die Unternehmen und Führungskräfte werden hierbei durch sogenannte Betreuungsmanager beim Unfallversicherungsträger begleitet und unterstützt. Betreuungsmanager helfen den Unternehmen bei der Bedarfsermittlung, die wichtigen Themen zu Sicherheit und Gesundheit zu identifizieren. Auf dieser Basis werden die Aufgaben und der Betreuungsbedarf im Unternehmen definiert, der neben Sifas und Betriebsärzten/innen auch durch weitere Professionen aus einem Experten-Netzwerk abgedeckt werden kann, z. B. durch Arbeitspsychologen/innen, Arbeitswissenschaftlern/innen, Lärmexperten, Physiotherapeuten/innen.

Die ersten Führungskräfte-Kurse starten jetzt im November 2019. Das Projekt läuft noch bis 2021 und wird durch die Universität Jena (Prof. Trimpop) wissenschaftlich begleitet und evaluiert, beispielweise zu den erreichten Wirkungen in den Unternehmen. Bei der DGUV hat sich ein Begleitkreis etabliert, der die teilnehmenden Unfallversicherungsträger BG RCI, BGHW, VBG und die Unfallkasse Hessen bei der Erprobung unterstützt.

Wir werden hier in der Sifa-Community auch weiterhin über die Projektfortschritte und Erfahrungen bei der Führungskräfte-Qualifizierung und über alle weiteren Aktivitäten in den Unternehmen berichten. Für weitere Infos steht die Projekt-Homepage zur Verfügung: www.alternative-betreuung-plus.de

Wir freuen uns, wenn wir hierzu eine Diskussion anregen können. Daher sind Sie herzlich eingeladen, sich in der Kommentarspalte aktiv zu beteiligen.

[1] Lichtblau, K. (2018). Digitalisierung der KMU in Deutschland, [online] https://www.iwconsult.de/fileadmin/user_upload/publikationen/digitalisierungsatlas/Digitalisierung_von_KMU [26.06.2019].
[2] Seyda, S. (2018). Weiterbildung 4.0-IW Trends, [online] https://www.iwkoeln.de/fileadmin/user_upload/Studien/IW-Trends/PDF/2018/IW-Trends_2018_1_Weiterbildung.pdf
[3] Ellaway, R., & Masters, K. (2008). AMEE Guide 32: e-Learning in medical education Part 1: Learning, teaching and assessment. Medical teacher, 30(5), 455-473.